Digital-Report
Zwischen Gym und Weltverschwörung
IV. Digital-Report „Zwischen Gym und Weltverschwörung – Wie Antisemitismus & Antigenderismus autoritäre Milieus auf Social Media verbinden“
Herausgeberinnen:
Dr. Deborah Schnabel, Eva Berendsen
Erscheinungstermin:
September 2026
Redaktion & Recherche:
Furkan Yüksel, Leo Fischer, Monzer Haider, Yasmine Goldhorn & Marlena Kilic (Forschungsprojekt), Marvin Hahn
Redigat:
Marie-Sophie Adeoso
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Eine salafistische Influencerin klagt auf Instagram über den Einfluss durch „den Westen und das säkulare Denken“, propagiert ultrakonservative Geschlechterrollenbilder und warnt vor der Gefahr, die angeblich vom Feminismus ausgehe.
Rechtsextreme wie islamistische Accounts wettern gegen „die Staats-Medien“, die Lügen verbreiteten, und raunen von „zionistischen Mächten“, die hinter Zuwanderungsbewegungen steckten.
Vermeintlich unpolitische Fitness-Influencer stählen mit Diäten und Disziplin den „natürlichen Körper“ – und verbinden Ernährungstipps mit Verschwörungsglauben, rassistischen Überlegenheitsfantasien und queerfeindlichen Positionen.
Der Digital-Report „Zwischen Gym und Weltverschwörung“ der Bildungsstätte Anne Frank zeigt, wie auf TikTok, Instagram und anderen Social-Media-Plattformen antisemitische, queerfeindliche und antifeministische Inhalte zu einem autoritären Syndrom zusammenwachsen, das Menschen unterschiedlichster Herkunft, Milieus und politischer Prägung miteinander verbindet – und warum das in den sozialen Medien besonders gut gelingt.
Im Zentrum des autoritären Syndroms stehen zwei Brückenideologien: Antisemitismus und Antigenderismus. Sie sind der Kitt, der islamistische und rechtsextreme Akteur*innen trotz fundamental unterschiedlicher Weltanschauungen in Resonanz zueinander treten lässt. Beide Ideologien bieten eine gemeinsame antimoderne Deutung gesellschaftlicher Krisen. Auch in links-autoritären Szenen zeigen sich entsprechende Dynamiken, wenn auch punktuell.
Die beiden Brückenideologien stehen nicht lose nebeneinander, sondern bilden eine funktionale Klammer:
- Der Antisemitismus liefert die Verschwörungserzählung auf einer makropolitischen Ebene – die Moderne erscheint in diesem Weltbild als Projekt geheimer, jüdisch konnotierter Mächte, die traditionelle Ordnungen zersetzen und Völker ihrer Souveränität berauben. Er verbindet Menschen mit ganz unterschiedlichen politischen Backgrounds – im gemeinsamen Glauben, auf der richtigen Seite zu stehen und gegen das Böse zu kämpfen.
- Der Antigenderismus hingegen operiert auf der alltagsweltlichen mikro-politischen Ebene: Er adressiert die gefühlte Krise von Männlichkeit, richtet sich gegen Geschlechtergleichheit und queere Lebensweisen und bietet einfache, emotional unmittelbare Feindbilder.
Während der Antisemitismus die globale Deutungshoheit übernimmt, schafft der Antigenderismus den niedrigschwelligen Zugang – gerade für junge Männer, die in Fitness-, Kampfsport- und Ernährungsszenen nach Orientierung suchen und sich in entsprechenden Filterblasen der Sozialen Netzwerke bewegen. Hier verschmelzen Körperkult, Disziplin und Verschwörungsdenken. Die Manosphere und der Kampfsport erweisen sich als zentrale Transmissionsriemen, die das hypermaskuline Selbstermächtigungsnarrativ sowohl für islamistische als auch für rechtsextreme Adressaten anschlussfähig machen.
Das gemeinsame Feindbild, das aus den beiden Brückenideologien Antisemitismus und Antigenderismus resultiert, ist die Moderne selbst.
Die algorithmische Architektur der Plattformen befördert und belohnt diese polarisierenden Inhalte strukturell: Durch das Interesse an Lifestyle-Themen wie Fitness und Ernährung geraten Nutzer*innen schnell in themenbezogene Tunnel, in denen Inhalte ausgespielt werden, die nur vermeintlich unpolitisch sind: Schnell kann eine audiovisuelle Dominanz des Autoritären im Feed entstehen. Hinzu kommt, dass Influencer*innen zunehmend die Rolle als Ersatz-Autoritäten einnehmen: Sie sind nicht nur coole Vorbilder, sondern gelten auch als besonders glaubwürdig.
So kommen über Social Media-Plattformen immer mehr und immer jüngere Menschen mit autoritären Weltbildern und ihren Versatzstücken in Kontakt.
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