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Interview mit Eva Szepesi

„Liebe Frau Szepesi, bisher kannten wir den Holocaust nur aus dem Geschichtsbuch. Durch Sie hat die Geschichte ein konkretes Gesicht bekommen.“


Zahlreiche Zeitzeugengespräche hat Eva Szepesi in den vergangenen Jahren mit Jugendlichen geführt, auch für die Bildungsstätte Anne Frank. Heute wird der Holocaustüberlebenden die Frankfurter Ehrenplakette verliehen: Damit würdigt die Stadt, dass Szepesi als Zeitzeugin „wertvolle Erinnerungsarbeit in Schulen, Kirchengemeinden oder vor Studierenden im Hinblick auf die Erziehung junger Menschen zu Toleranz, Mitmenschlichkeit und Weltoffenheit“ geleistet hat.  

Trotz  großen Lampenfiebers, wie sie zugab, hat sich Eva Szepesi am Vortag der Verleihung Zeit genommen, uns ein paar Fragen zu beantworten.

 

Frau Szepesi, Sie wurden mit zwölf Jahren aus Auschwitz befreit und konnten erst 1995 über ihre Erlebnisse sprechen. Wie kam es dazu?

 

1995 war ich zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz eingeladen worden. Eigentlich wollte ich gar nicht hin, schon allein der Gedanke daran gruselte mich. Ich hatte nie mit irgendjemandem darüber gesprochen, wie es war, als Kind allein in Auschwitz zu sein und das Grauen dort zu erleben. Immer, wenn mein Mann vorsichtig fragte, habe ich „Nein“ gesagt – er hat dann nicht nachgehakt. Meine Töchter auch nicht, aber sie haben mir gut zugeredet, die Einladung zum 50. Befreiungstag anzunehmen und versprochen, mich zu begleiten.

Dort begann ich zum ersten Mal, vor einer Gruppe Jugendlicher über meine Erlebnisse zu sprechen. Als ich anfing an zu erzählen wurde so still, dass man eine Stecknadel hätte zu Boden fallen hören. Ich konnte gar nicht mehr aufhören! Als ich dann doch fertig war, haben mich meine Töchter in den Arm genommen. Es war ja auch für sie das erste Mal, dass sie meine Geschichte gehört haben.

 

Haben Sie dort beschlossen, sich als Zeitzeugin zu engagieren?

 

Auf dem Rückflug aus Polen habe ich gespürt, dass sich bei der Feier etwas in mir verändert hat: Ich wollte meine ganze Geschichte erzählen, vor allem für meine Enkel. Mein Deutsch war damals allerdings noch nicht so gut, also habe ich einen Sprachkurs gemacht. Bei einer Schreibwerkstatt hat die Lehrerin meine Nummer am Arm bemerkt und mich ermuntert, über die Erlebnisse im Lager zu schreiben. Das habe ich dann auch gemacht, manchmal nächtelang! Meine ältere Tochter hat mir bei der Arbeit an der Biografie „Ein Mädchen allein auf der Flucht“ geholfen – und viel mit mir geweint.

 

Welche Reaktionen erleben Sie bei Ihren Zeitzeugengesprächen mit Jugendlichen?

 

Ich bekomme sehr viele positive Rückmeldungen, die Schüler sind oft sehr dankbar: Sie kennen ja Judenverfolgung nur aus dem Geschichtsbuch und es ist etwas völlig anderes, wenn jemand davon erzählt, der es selbst erlebt hat! Ich habe vor kurzem einen Brief von einer Schulklasse bekommen, daraus kann ich Ihnen mal vorlesen: „Liebe Frau Szepesi, bisher kannten wir den Holocaust nur aus dem Geschichtsbuch. Durch Sie hat die Geschichte ein konkretes Gesicht bekommen.“ Die Gespräche sind also sehr viel Wert! Am Ende schreiben die Jugendlichen, dass sie dafür sorgen wollen, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder passiert.

 

Eva Szepesi wurde 1932 als Eva Diamant in Budapest geboren. Der Vater wurde 1942 in ein Arbeitslager geschickt, später galt er als ‚verschollen’. Ihre Mutter schickte die Tochter mit falschen Papieren in die Tschechoslowakei, um sie zu retten. 1944 wurde  Szepesi im Alter von zwölf Jahren nach Auschwitz deportiert, 1945 von der Roten Armee befreit. Ihre Mutter und ihr Bruder überlebten den Holocaust nicht. Szepesi heiratete 1951 und lebt seit den 50er Jahren in Frankfurt.

Im Januar 2011 ist ihr Buch „Ein Mädchen allein auf der Flucht“ im Metropol Verlag, Berlin, erschienen.